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Nerven wie Stahl – Weine mit Suchtpotenzial

Nerven wie Stahl – Weine mit Suchtpotenzial
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Er macht Weine, die süchtig machen können. Daher steht schon einmal „Rauschgift“ auf dem Etikett. Daneben beliefert er die Szenegastronomie mit „Blendwerk“. Christian Stahl, Jungwinzer aus Franken, macht vieles anders als seine Kollegen und hat damit grossen Erfolg.

Christian Stahl hat das Weinmacher-Gen. Und jede Menge kreativer Einfälle, die ihm auch mal Ärger einbringen. Doch der Reihe nach. Schon während seiner Winzerlehre beim Würzburger Weingut am Stein baute er im elterlichen Kleinbetrieb seine ersten Weine aus. Mit dem schwierigen Jahrgang 2000 bewies der damals 22-Jährige bereits, welches Talent in ihm steckt.

Nach dem Studium in Geisenheim und einem Praktikum beim Rheingauer Topwinzer Peter Jakob Kühn stieg er 2005 in den Betrieb seiner Eltern ein, gewann mit seinem „Hasennest“ den Internationalen Müller-Thurgau-Preis und übernahm zwei Jahre später die Leitung.

Explosive Weine

In der Zwischenzeit hatte er schon ein paar Hektar sehr guter alter Steillagen dazugekauft und besitzt mittlerweile 20 Hektar Weinberge, also das Zehnfache der ursprünglichen Fläche. „Wir sind der Nachfrage hinterher gewachsen“, meint Christian, dem ein Kritiker einmal bescheinigte, eine Art fränkischer Quentin Tarantino zu sein. „Er meinte, beim Trinken meiner Weine kann einem der Kopf explodieren. Wie in Tarantinos Filmen eben.“

Nun, so wörtlich sollte man das zwar nicht nehmen, aber Stahls Weine sind in der Regel so trinkfreudig, dass man anfangs gar nicht spürt, dass da auch oft 13,5 Volumenprozent Alkohol enthalten sind. Etwa beim Edelstahl Silvaner Best of, der nach gelben und tropischen Früchten duftet, begleitet von feinen Kräuternoten sowie einer beachtlichen Mineralik, und dank seiner cremigen Art einfach pure Lust auf den nächsten Schluck macht.

Schon fast extrem süffig und entsprechend rasch ausgetrunken ist etwa auch die Scheurebe Damaszener Stahl mit ihrer Geschmackskombination aus weissem Pfeffer und Grapefruit, deren erster Jahrgang 2009 daher den Beinamen „Rauschgift“ erhielt.

Rauschhafte Zustände

Das brachte dem Winzer nicht nur Schlagzeilen, sondern auch ein bisschen Ärger mit Behörden ein. Höflich aufgefordert, seine Weine künftig bitte nicht mehr mit diesem negativ besetzten Namen zu versehen, nannte Christian die nächsten Jahrgänge eben „Kalter Entzug„, „Flashback„, „U-Haft“ und nun den 2013er „Bike-Day„, in Erinnerung an den LSD-Entdecker Albert Hofmann, der 70 Jahre zuvor zu Beginn seines ersten Drogenrausches mit dem Fahrrad unterwegs war. Weshalb LSD-Anhänger diesen Tag als Fahrrad-Tag feiern.

Keine Sorge, Christian hat mit LSD nichts am Hut, dafür um so mehr mit Ironie, sein Winzersekt heisst ganz einfach „Brause!“, und ab und an gepaart mit etwas Provokation. So veröffentlichte er auf Facebook ein Foto von seinen Mitarbeitern in Mitleid erregender Pose mit dem Hinweis „Eingenähte Hilferufe in Stahl-Wein-Kartons“, in Anlehnung an Berichte über eine britische Billigmodekette, in deren Kleidung Kunden Hilferufe von scheinbar unmenschlich behandelten Billiglohnarbeitern entdeckten. Da klatschte nicht jeder Beifall, Ironie ist manchmal ein hartes Geschäft. Doch das stört den manchmal als „Jungen Wilden“ eingestuften Winzer nicht.

Nerven hat er, der Stahl, so hart wie sein Name und so verzichtet er auch ganz im Gegensatz zu VDP-Betrieben meist auf Lagennamen, damit er gerade beim Ausbau seiner Topweine nicht an Parzellen gebunden ist. Der Silvaner Best of etwa kam in den letzten fünf Jahren nur zweimal aus derselben Lage. „Somit kann ich die Jahrgangsschwankungen besser ausgleichen und immer die besten Partien für die Topweine verwenden“, erläutert Christian seine Weinphilosophie.

Wer nun meint, das sei Blendwerk, liegt gar nicht so falsch. Denn so heisst der Name des neuen Szene-Gastro-Getränks, das Christian mit seinen Mitarbeitern nach einem launigen Abend kreiert hatte. Die Idee dahinter war ursprünglich nur als ein Alternativgetränk für junge Nichtweintrinker gedacht. Doch der aromatisierte rote Perlwein mit Restsüsse ist derzeit vor allem in Grossstädten beinahe schon Kult.

So wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis der „Newcomer des Jahres 2012“, laut Falstaff, wieder neue Rebflächen sucht, um der Nachfrage hinterher zu wachsen.

Über den Autor

Wolfgang Hubert ist seit über 20 Jahren als Weinjournalist, Verkoster und Autor tätig und war bis 2008 außerdem Chefredakteur des Magazins „getränke markt“. Seit Ende 2014 ist er Chefredakteur des Genussmagazins "selection".

Dazu schreibt oder schrieb er regelmässig diverse Beiträge unter anderem für WeinWisser, Vinum, Wein Gourmet, essen & trinken, sowie für renommierte Tages- und Wochenzeitungen.

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