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Blauer Zweigelt – Liebe auf den zweiten Blick

Blauer Zweigelt – Liebe auf den zweiten Blick
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Lange schien es, als bliebe die rote Sorte Zweigelt beschränkt auf Österreich, könnte sich ausserhalb des Alpenstaates nicht durchsetzen. Doch mittlerweile haben auch zahlreiche Winzer aus Deutschland oder der Schweiz die Vorzüge der Neuzüchtung begriffen. Vor allem Württemberger Erzeuger haben sich verliebt in die von Friedrich Zweigelt gezüchtete Spezialität.

Rebsortenzüchter müsste man sein. Professor Hermann Müller aus dem schweizerischen Thurgau erreichte allein durch die Entwicklung der Sorte Müller-Thurgau Ruhm für die Ewigkeit. Der Deutsche Dr. Georg Scheu wiederum hat sich durch die Züchtung der Scheurebe um die Weinwelt verdient gemacht.

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Und was den Rotwein angeht, gebühren Ruhm und Dank dem Österreicher Friedrich (Fritz) Zweigelt. Im Jahre 1922 züchtete er aus St. Laurent und Blaufränkisch eine Rebe, die von den Winzern inzwischen mit Begeisterung angepflanzt wird.

Langer Weg zum Ruhm

Wie gut die Rebsorte zu Österreichs Weinbergen und Winzern passt, stellte sich freilich erst nach und nach heraus. Züchter Zweigelt dachte auch gar nicht daran, sie nach sich selbst zu benennen, machte seine Kreation zunächst unter dem Namen Rotburger bekannt.

Leider gab Fritz Zweigelt während der Zeit des Nationalsozialismus eine denkbar unglückliche Figur ab, verlor nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Posten, geriet weitgehend in Vergessenheit. Die Winzer indes fanden allmählich Gefallen an seiner Kreation, schätzten die vergleichsweise hohen Erträge und die geringen Ansprüche der Sorte an den Boden, pflanzten die Rebe mit wachsender Begeisterung.

Einen richtigen Schub bekam die Zweigeltrebe, 1975 zu Ehren ihres Züchters so genannt, ab Ende der Neunziger. Vielfach wurde sie erst zu jener Zeit als Basis für gehobene oder gar Spitzenweine anerkannt – es war Liebe auf den zweiten Blick.

In weniger als zehn Jahren stieg die Gesamtrebfläche des Zweigelts, auch als Blauer Zweigelt bekannt, in Österreich um etwa 50 Prozent auf heute rund 6.500 Hektare; keine andere rote Rebe wird derzeit im Alpenstaat intensiver angebaut.

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Der Zweigelt erfreut sich inzwischen auch in Deutschland grosser Beliebtheit
Der Zweigelt erfreut sich inzwischen auch in Deutschland grosser Beliebtheit

Wer als Winzer keine süffigen Zweigelt-Massenweine erzeugen will, muss sich allerdings jede Menge Arbeit machen. Ertragsregulierung ist zwingend notwendig, um Moste mit ausreichend Kraft zu keltern, am besten sollten die Mengen die 50 Hektoliter pro ha nicht überschreiten.

Dann aber lässt sich die gewonnene Mischung aus Frucht und Würze mit guten Erfolgsaussichten ausbauen. Die typische Zweigelt-Frucht, an Wald- und Himbeeren erinnernd, vermischt mit Kirschen und Zwetschgen, sorgt für sofortige Begeisterung bei den Weintrinkern, nach entsprechendem Ausbau in kleinen Holzfässern kommen auch Noten von Vanille oder Schokolade dazu, ohne dass die Sache allzu schnell aufdringlich würde.

Eine ordentliche Portion Säure sorgt meist auch bei hoher Reife für Frische. Blaufränkisch ist ein guter Verschnittpartner, auch Cabernet Sauvignon oder Merlot werden gern mit Zweigelt vermählt. Auf diese Weise entstehen einige der namhaftesten Rotweincuvées Österreichs.

Zum dortigen Rotweinwunder hat die Sorte also eine Menge beigetragen – und das in fast allen Regionen des Landes, vom Weinviertel übers Burgenland bis in die Steiermark; auch zahlreiche Carnuntum- oder Wagram-Winzer gelten als Spezialisten.

Begeisterung allerorten? Fast, denn manchmal tritt beim Zweigelt die berüchtigte Traubenwelke ein, und die Beeren schrumpeln noch am Stock in sich zusammen, können nicht mehr zu Wein verarbeitet werden: eine Folge von Kalimangel und anderen Umständen.

Württemberg vorne

Doch die negativen Eigenschaften scheinen beherrschbar, das Image ist gut. Umso überraschender, dass der Export der Sorte nur langsam in die Gänge kam. Immerhin gibt es sie, da und dort, in Liechtenstein oder in der Schweiz. Vor allem aber hat sie in den vergangenen Jahren in deutschen Weinbergen Karriere gemacht.

Binnen 15 Jahren verdreifachte sich ihr Anteil auf heute 108 Hektare, wovon wiederum zwei Drittel zwischen Heilbronn und Bodensee zu finden sind. Württembergische Spitzenweingüter wie Jürgen Ellwanger, Haidle, Kusterer oder Zimmerle investieren viel Mühe in den Import aus Österreich, keltern ebenso hochwertige wie eigenständige Weine. Solche, die je nach Ausbau unterschiedlich eingesetzt werden können.

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Im Stahltank gereifte Zweigelts würden von den meisten Sommeliers zu fleisch- oder käsebetonten Vorspeisen serviert, aber auch zu Gemüsegerichten mit leichten Röstaromen, zu Pasta mit kräftigen Saucen oder Innereien.

Je mehr Holzeinfluss, desto besser passen kurz gebratene Stücke vom Rind. Und wenn der Zweigelt als Trockenbeerenauslese des Weges kommt, lässt er sich mit Desserts auf Basis roter Früchte besser kombinieren als die meisten anderen Süssweine der Welt.

Über den Autor

Wolfgang Faßbender ist seit 25 Jahren als freier Journalist in den Bereichen Wein und Gastronomie tätig. Der gebürtige Leverkusener hat mehr als 80 Bücher geschrieben oder herausgegeben, arbeitet für viele Zeitschriften und mehrere Zeitungen, testet sich als Restaurantkritiker durch die Welt.

Er pendelt zwischen seinen Wohnsitzen im Rheinland und Zürich.

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