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Vom Auslaufmodell zu einem echten Geheimtipp

Vom Auslaufmodell zu einem echten Geheimtipp
Copyright Weingut Diederik

Wo Land teuer und knapp ist, wird Weinbau zu einer Herausforderung. Der junge Schweizer Diederik Michel wurde nach hartnäckiger Suche fündig, übernahm Reben und gründete ein Weingut. Mit feinen Rotweinen hat er sich einen Ruf erarbeitet, doch seine Leidenschaft gehört auch dem Räuschling.

Die Tür geht auf, Kunden und Kinder kommen und gehen, der Wein muss aus dem Kühler, und der Gemahl ist noch im Rebberg. Mittendrin: Patricia. Winzersfrau, Mutter, Verkäuferin, Marketingchefin, Krisenmanagerin, Freundin. Doch bald beruhigt sich die hektische Situation, und irgendwann trifft auch der Winzer ein, der sich zuerst noch um die Schafe kümmern musste.

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Die dürfen nämlich nach der Ernte in den Weinberg. Die Zusammenarbeit mit einem Schäfer hat sich inzwischen bewährt, und wenn die Tiere neben dem Gras ein paar Zweige anknabbern, ist das im Spätherbst kein Problem mehr. Eine von vielen Massnahmen, die Diederik Michel seit der Übernahme des Weinguts eingeführt hat.

Diederik und Patricia Michel in den Reben
Diederik und Patricia Michel in den Reben

Was in der Weinbaugemeinde Küsnacht am Zürichsee, wo Stars wie Popdiva Tina Turner leben, neben anerkennenden auch manchmal für verwunderte Blicke sorgt.

Als wir endlich sitzen, öffnet Michel seinen Räuschling 2015. Die klassische Zürichseerebsorte ist neben dem Pinot Noir sein klarer Favorit. Während wir unsere Weine im Glas schwenken beginnt er von seinen Anfängen zu erzählen. Denn bevor sich Michel in Küsnacht niederliess, hatte er bei mehreren Weingütern entlang des Sees gearbeitet.

Immer mal wieder stellte sich für ihn die Frage, ob er ein Weingut übernehmen konnte. Doch dieser Traum platzte mehrmals. Alleine schon deshalb, weil die meisten Güter hier seit Generationen in Familienbesitz sind.

Endlich, im Januar 2014 übernahmen die Michels dann das Weingut von Welti Weinbau in Pacht. Doch bis alles rund lief, dauerte es seine Zeit. «Erst jetzt fühlen wir uns richtig angekommen», sagt Patricia Michel. Die Übernahme und der Aufbau gestalteten sich schwieriger, als sie am Anfang geplant hatten.

Die direkte Betreuung der Kunden und die Vermarktung der Weine entpuppten sich als zeitintensiver als im Businessplan veranschlagt. «Doch mit unserem Grafiker, landeten wir einen Glücktreffer», freut sich die Winzerin. Ihr Mann vertraut nicht nur auf Glück, sondern auch auf Können, das er sowohl in der Schweiz als auch mit Auslandsaufenthalten erworben hat.

«Ich weiss, wie man Wein macht, und ich weiss, wie Räuschling gekeltert wird.» Patricia spricht von Mut, Diederik von Urvertrauen. Einig sind sie sich darüber, dass die Übernahme und die Selbständigkeit sie als Paar noch näher zusammengebracht haben. Nicht zu vergessen, dass auch zwei kleine Kinder hier am Küsnachter Rebberg volle Aufmerksamkeit fordern.

Ohne das Anpacken der gesamten Familie und Freunde wäre das Projekt eigenes Weingut vielleicht zu belastend für die junge Familie gewesen. Doch als Optimist will sich Michel nicht bezeichnen lassen. Er schüttelt den Kopf und hätte fast mit der Hand auf den Tisch geklopft als er standhaft in breitem Schweizerdeutsch äussert: «Von nüt chunnt nüt».

Grosse Sorgfalt und Hingabe für guten Wein
Grosse Sorgfalt und Hingabe für guten Wein

Inzwischen findet sich ein bisschen Routine bei den Michels ein. Eine zusätzliche Arbeitskraft für Weinberg und für die Buchhaltung wurde in Teilzeit angestellt, ein enger Freund mit Weinhandlung, erzählt ihre Geschichte weiter. Gleichzeitig ist auch die Gastronomie aufmerksam geworden. Insbesondere Michels frischer, lebhafter und grandios mineralischer Räuschling gewinnt zunehmend an Bekanntheit.

Eigentlich «die» Paraderebsorte des Zürichsees und dennoch lange Jahre Auslaufmodell, verschrien als saures Weinchen. Die Michels sehen das anders. «Man kann hier sehr wohl hochwertigen Räuschling produzieren», sagt der Winzer mit Nachdruck.

«Er passt perfekt zur Region und bietet einen klaren Wiedererkennungswert.» Der Räuschling ist heute wieder in der Gastronomie angekommen. «Auch das Etikett kommt bei den Restaurantbesuchern sehr gut an», sagt Michel. Mit den zwei aufgedruckten Lettern W und D (Weingut Diederik) landeten sie in Sachen Marketing einen Volltreffer.

Vom Räuschling alleine lebt es sich an der Goldküste aber nicht. Merlot und Malbec wurden neu gepflanzt. Riesling-Sylvaner und Pinot Noir sind Klassiker, die Michel auf keinen Fall missen will. Neben reinsortigen Abfüllungen werden auch Cuvées angeboten.

Inzwischen weiss der überzeugte Önologe, welche Bedürfnisse seine Reben in Küsnacht haben, und er investiert viel Zeit und Musse in Verbesserung und Belebung seiner Böden «Der obere Weinberg hat ein deutliches anderes Reifeverhalten als der untere Teil.» Der Wärmespeicher See, die Hauswände der angrenzenden Wohnquartieren und der Winkel der Sonneneinstrahlung tragen hierzu bei.

Ein paar Seegemeinden weiter, im Weingut Schwarzenbach, erfolgt nach der Ernte der Weinausbau. Aus Platzgründen. Aber die Nachteile sind mit Vorteilen aufzuwiegen. Denn mit dem bekanntesten Weingut des Zürichsees an der Seite verbindet Diederik Michel eine Freundschaft. Dabei bleibt es nicht nur beim Fachsimpeln, sondern es wird auch gemeinsam präsentiert und gefeiert.

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Als «Keller-WG – die Winzer vom Zürichsee» treten die beiden mit Lüthi Weinbau und Schnorf Weinbau miteinander auf. Der Räuschling, die typischste ortsansässige Rebsorte, ist dann wieder gross gefragt. Es ist nicht verfrüht zu sagen: Ein Stern beginnt hier, in enger Nachbarschaft zu Tina Turner und Co., wieder zu leuchten.

Über den Autor

Seit vielen Jahren ist Cécile Richards als Fachfrau für Wein und Kulinarik aktiv, journalistisch, beratend und erklärend. Die Weinakademikerin lebt in der Nähe von Zürich und interessiert sich nicht nur für gealterten Schweizer Chasselas, sondern auch für Schaumweine und spannende Begegnungen mit Winzern und Köchen.

Kommentare

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Sandro Nicotera (tbd.ch)

Sehr schön beobachtet und geschrieben!
Herzlicher Gruss vom Grafiker :)

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