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Vernatsch – die sommerlichste Rotweinrebe

Vernatsch – die sommerlichste Rotweinrebe
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Die sommerlichste Rotweinrebsorte der Welt hat schon bessere Zeiten gesehen – aber garantiert auch schlechtere. Ausserhalb von Württemberg und Südtirol vinifiziert zwar fast niemand Vernatsch respektive Trollinger mit Qualitätsansprüchen, doch vom Aussterben ist der hellrote Klassiker nicht mehr bedroht. Die Zahl der Liebhaber fruchtig-leichter Rotweine ohne Holzexzesse und hohe Alkoholgrade steigt sogar wieder. Und mit seiner parfümierten Spielart kann man sich an warmen August- und Septembertagen erst recht anfreunden!

Keiner wünscht sich die Fünfziger und Sechziger des letzten Jahrhunderts zurück, zumindest nicht in flüssiger Hinsicht. Es war jene Zeit, in der die Schwaben nichts anderes zu konsumieren schienen als Trollinger und die dazu passenden Saitenwürstle mit Linsen. Es war jene Epoche, in der die Südtiroler in einem See von Vernatsch ertranken, aus Massenerträgen der ach so beliebten Pergelerziehung gewonnen.

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Mit echtem Rotwein hatten solche dünnen Tröpfchen wenig zu tun, aber als Wasserersatz taugten sie, kalt genossen, dann doch einigermassen. Und weil alles, was aus dem Süden kam, zu jener Zeit bei den Deutschen beliebt war, wurde ein Wein namens Kalterersee eine Weile lang zum Renner. Bis das Rad überdreht wurde, der Kopfschmerz überhand nahm und der Ruf dieser Südtiroler Fragwürdigkeit und des Vernatsch im Allgemeinen auf null gesunken war.

BESCHRÄNKUNG STATT MASSENERTRÄGE

Inzwischen sind die Rebflächen geschrumpft, die Erträge auch. Kalterersee verschwand aus den Weinregalen der deutschen Supermärkte und wurde durch Pinot Grigio und Prosecco ersetzt. Und die Württemberger haben gemerkt, dass auf ihren Böden auch andere Sorten gedeihen als Trollinger, dass man mit Cabernet und Merlot ausgezeichnete Rotweine herstellen kann und Riesling sowie Sauvignon Blanc aus Schwaben nicht verschmähen muss. In den Achtzigern schien es, als wäre es nur eine Frage weniger Jahre, bis Vernatsch – vor ein paar Jahrhunderten als Varnatzer bekannt – ganz verschwinden würde aus den europäischen Weinbergen.

Doch inzwischen ist das Tal durchschritten, der Vernatsch wieder unumstritten. Etwas mehr als 22 Prozent der gesamten Rebfläche sind heute noch in Südtirol mit jener Sorte bepflanzt, die es in zahlreichen Varianten gibt. Grossvernatsch und Grauvernatsch, Edelvernatsch oder eben Trollinger, wie er im deutschen Anbaugebiet Württemberg immerhin noch knapp über 20 Prozent der Fläche ausmacht, wie er jenseits von Schwaben aber fast nie angebaut wird.

Eines haben sie alle gemeinsam, die Vernatsch-Trollinger-Varianten: Sie ergeben eher hellrote Weine, und ihre Beeren sind auch im ungepressten und nichtvergorenen Zustand delikat. Werden sie aber von einem der besseren Winzer oder einer der Top-Genossenschaften und mit vernünftiger Beschränkung der Erträge in Wein verwandelt, kann die Sache richtig spannend werden. Wer einmal als Jurymitglied – wie der Autor dieser Zeilen – oder als Gast die Weine des Südtiroler Vernatsch-Cups verkosten konnte, wer die allerbesten Trollinger schlürfen durfte, der kann nur mit verdrehten Augen vor dem Glas sitzen. Richtig gute Vernatsch-Weine sind grossartige, feinfruchtige Gegenentwürfe zu mächtigen Bordeaux und Super Tuscans.

SOMMER MIT SCHÜTTELBROT

Die charmante Frucht, die blumigen und an Kirschen erinnernden Noten eines gekonnt gekelterten Vernatsch sind wie gemacht für den Sommer. Holzaromen existieren nicht, der Alkohol übersteigt oft nicht die 12,5 Prozent, und aufdringliche Gerbstoffe fehlen.

Wird er ein bisschen kühl serviert, der Trollinger, passt er zu fast allem, was man zwischen Mai und September auftischen kann. Natürlich zu Schüttelbrot, Speck und Käse, der Dreifaltigkeit eines Südtiroler Imbisses, selbstverständlich zu Spätzle und Pizza, auch mit Fischgerichten kann man ihm kommen!

Sogar die Herkunftsbezeichnung Kalterersee wurde wieder zu einer Referenz, ist gut für saftige Rotweine erster Güte. Dass man den Vernatsch alias Trollinger selten in der gehobenen Gastronomie ausserhalb seiner Entstehungsgebiete findet, ist eher ignoranten Wirten vorzuwerfen als den Erzeugern.

EIN BISSCHEN AROMA ALS ZUGABE

Wer den Muskattrollinger nicht kennt, ist allerdings kein bisschen ignorant – die Spezialität ist dermassen selten, dass auch echte Weinfreaks nicht im Bilde sein müssen. Ein paar wenige Erzeuger kümmern sich um die Spielart des Trollingers, die heute sogar als eigenständige Sorte gilt; ein paar Dutzend Hektar sind es nur, auf denen in Deutschland die intensiv duftenden Trauben wachsen.

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Der aus ihnen gewonnene Wein – trocken, halbtrocken oder noch etwas süsser – kombiniert die Vorzüge von Trollinger und Muskateller: Frische, Frucht und eine aromatische Note. Falls man Ungewohntem gegenüber aufgeschlossen ist und einmal die Vorzüge eines grossartigen Muskattrollingers kennengelernt hat, will man so schnell nichts anderes mehr trinken.

Über den Autor

Wolfgang Faßbender ist seit 25 Jahren als freier Journalist in den Bereichen Wein und Gastronomie tätig. Der gebürtige Leverkusener hat mehr als 80 Bücher geschrieben oder herausgegeben, arbeitet für viele Zeitschriften und mehrere Zeitungen, testet sich als Restaurantkritiker durch die Welt.

Er pendelt zwischen seinen Wohnsitzen im Rheinland und Zürich.

Kommentare

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Werner Nimietz

In den 1950/60er Jahren hieß die Haupt-Rebsorte in Württemberg (Schwaben) nicht Trollinger sondern: Silvaner! Wie übrigens in ganz Deutschland auch.

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