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Jungwinzer – Die schönen und die harten Seiten

Jungwinzer – Die schönen und die harten Seiten
Copyright Eva Vollmer

Die jungen Weinmacher haben es schön. Sie dürfen auf Geschäftskosten durch die Welt reisen, die besten Weine probieren und sich zu Hause ohne Konsequenzen mit dem Rebensaft im Keller austoben. Toll, aber leider ist das nicht die ganze Wahrheit. Jungwinzer zu sein ist oft ziemlich anstrengend. Aber reizvoll, in jeder Hinsicht.

Zuerst eines vorab. Im Rahmen der Juli-Verkostung hat unser Magazin erstmals die besten deutschen Jungwinzer gekürt. Unterstützt von Vinissima Frauen & Wein e.V. und Prof. Dr. Ruth Fleuchaus, Hochschule Heilbronn, Studiengang Weinbetriebswirtschaft. Es war ausserordentlich spannend, denn wir haben nicht nur sozusagen den deutschen Meister der bis zu 35-jährigen Weinkünstler gekürt, sondern dazu auch die Sieger in 14 Unterkategorien ermittelt, wie etwas Riesling, Bukettsorten und Experimentelle Weine, wozu wir Orange-Wines oder Amphoren-Weine zählen.

Alle Sieger werden wir natürlich in den nächsten Heften sowie hier auf unserer Website, auf Facebook unter selection online vorstellen sowie in weiteren Medien und Websites unserer Verlagsgruppe präsentieren.

Nun aber zurück zum Thema. Jungwinzer zu sein ist nicht immer ein pures Vergnügen. Die Wege zum Erfolg sind gerade für die heutigen Jungwinzer meist mit vielen Unebenheiten gepflastert. Sie sind zwar in der Regel sehr gut ausgebildet, meist deutlich besser als ihre Vorfahren, und sind ausserdem in anderen Regionen und Ländern unterwegs, um dort neue Kellerluft zu schnuppern.

Doch nicht alle Eindrücke stimmen optimistisch. „Ich war über ein Jahr in den USA und konnte dort hautnah erleben, wie Massenweine aber auch hochqualitative Weine oft so hergestellt wurden, dass ein bestimmtes Geschmacksmuster getroffen wurde. Meist führt das zu Weinen, die zwar gut, aber in der Geschmacksvielfalt doch relativ eindimensional sind„, berichtete mir einmal Christian Peth vom rheinhessischen Weingut Peth-Wetz im Rahmen einer Recherche über deutsche Jungwinzer. „Genau das versuche ich zuhause zu vermeiden.

Der schwere Weg zum eigenen Wein

Recht so, ein Wein braucht gewisse Ecken und Kanten um charakteristisch zu sein. Aber das deckt sich nicht zwangsläufig mit den Vorstellungen und Verkaufsstrategien der Eltern und kann leicht zu Konflikten führen. Vor allem im Keller ist die Stimmung zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern mitunter hitzig und gipfelt in scharfen Wortgefechten.

Ein mittlerweile erfolgreicher Südpfälzer Jungwinzer etwa erzählte mir vor zwei Jahren, dass er auf Grund des Generationskonfliktes, da der Junior im Gegensatz zum Vater überwiegend auf trockene Weine setzte, eine eigene Kollektion mit eigenem Etikett entwickelt hatte. Damit räumt er nun regelmässig Preise ab. Das ist zwar nicht die Regel, aber auch kein Einzelfall.

Wenn die Jungen ihre eigenen Vorstellungen einbringen wollen, kracht es oft. Quasi neue Ideen gegen Tradition. Und schliesslich steht ja ausserdem das wirtschaftliche Dasein auf dem Spiel. Da schrecken viele Alteigentümer von Experimenten beim Weinausbau zurück. Oder von der Umstellung auf eine andere Vermarktung. Etliche Jungwinzer versuchen mehr über den Weinhandel im In- und Ausland abzusetzen, da ihnen die Fokussierung ihrer Eltern auf Privatkunden zu beratungsintensiv erscheint.

Manchmal, so berichtet ein fränkischer Jungwinzer, der ungenannt bleiben möchte, kämen Endverbraucher, die eine Stunde lang Wein probieren und dann mit drei Literflaschen im Gepäck wieder gehen. Und das sei gar nicht so selten. Da bleibt dann kein Mindeststundenlohn übrig. Ärger gibt es zudem oft nicht nur bei anderen Weinstilen, sondern ebenso bei der Umstellung auf neue Etiketten oder höhere Preise. So manche gute Ideen der Jungwinzer werden im Keim erstickt.

Spass als Erfolgsrezept

Da hatte es Dr. Eva Vollmer vom gleichnamigen Weingut in Rheinhessen in gewissem Sinne etwas leichter. Die Jungwinzerin und Doktorandin in Geisenheim, deren beste Weine ein rotes Ausrufezeichen hinter der Rebsorte ziert, hat sich seit ihrem ersten Jahrgang 2007 zu einer Art Vorbild entwickelt. Doch einfach war der Start keineswegs. Sie fing sozusagen bei Null an.

Genossenschaftlich vermarktete Weinberge, keine Flaschen, keine Tanks, keine Kunden. Entsprechend waren die Reaktionen im Elternhaus. „Kein Weingut, keinen bekannten Namen, nix halt. Na toll, das kann ja heiter werden hat der Papa gesagt und der Opa sagt es heute noch“, blickt sie zurück. Und dann startete sie mit einem Konzept, das sich aus dem Bauch heraus entwickelt hat: Spass haben, Spass vermitteln, niemals hochtrabend gekünstelt sein, Natürlichkeit ausstrahlen und den Leuten offen zeigen, dass noch nicht alles perfekt ist.

Das war einmal, mittlerweile zählt sie zusammen mit ihrem Mann Robert Wagner nicht nur zu den bekanntesten Jungwinzern Deutschlands, sondern auch mit zu den besten. Neu angefangen hatten ausserdem Barbara und Julian Singer. Sie gründeten 2009 nach einem gemeinsamen Studium in Geisenheim das Weingut Singer im Remstal und bewirtschaften dort 3 Hektar bester Rotweinlagen.

Allerdings war die Ausgangssituation etwas anders als bei Eva Vollmer. Denn Barbaras Eltern besitzen in der Nähe das auf Weissweine spezialisierte Weingut Bader. Und zusammen eröffneten sie im vergangenen Jahr die Weinkorb Vinothek und vermarkten dort gemeinsam ihre Produkte. Da kommt sich keiner ins Gehege.

Manchmal kommen Jungwinzer aber auch gegen ihre ursprünglichen Planungen zu ihrem Beruf. So wie Christoph Dixius vom rund 400 Jahre alten Mosel-Weingut Michael Dixius. Sein Vater Michael leitete das Weingut bis 2010, während der Sohn gerade eine Ausbildung als Informatikkaufmann absolvierte. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters stellte sich die Frage, was passiert mit dem Betrieb? Christoph hatte einen Vollzeitjob und kaum weinbauliche Kenntnisse.

Aber durch viel hartes Kämpfen und einem starken Willen, habe ich es geschafft, den Betrieb auf einem guten Level weiter zu führen.“ Dazu braucht man aber mehr als hartes Kämpfen. „Eine Vision, viel Gefühl, keine Kompromisse und Spitzenweine, das sind die Eckpfeiler in meiner Weingutsphilosophie. Ich möchte mit meinen Weinen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern„, so Christoph.

Qualitätssprung durch Teamwork

Was den Jungwinzern von heute zu Gute kommt, ist eine bessere Zusammenarbeit mit anderen jungen Kollegen. „Die Jungwinzerszene im Rheingau ist stark in Bewegung. Der Austausch untereinander nimmt immer mehr zu, wo von jeder einzelne profitiert und die Region gemeinsam voran gebracht wird„, berichtet etwa Michel Städter, Kellermeister vom Weingut Chat Sauvage im Rheingau. „Dies war lange nicht der Fall, gehört aber nun der Vergangenheit an.

Früher hütete man oft die eigenen Weine wie Kronjuwelen vor der benachbarten Konkurrenz. Heute ist der Wissens- und Weinaustausch ebenso wie kritische Diskussionen zwischen jungen Winzern die Regel. Letztlich kommt das den Weinqualitäten aller Beteiligten zu Gute. Hier wächst wohl etwas zusammen, was zusammen gehört. Im Sinne noch besserer Qualitäten. Weiter so.

Und neu gegenüber früher ist auch das verstärkte Auftreten von Jungwinzerinnen, die in Betrieben den Ton angeben. Da bekommt der alte Spruch Wein, Weib und Gesang eine völlig neue Bedeutung.

Über den Autor

Wolfgang Hubert ist seit über 20 Jahren als Weinjournalist, Verkoster und Autor tätig und war bis 2008 außerdem Chefredakteur des Magazins „getränke markt“. Seit Ende 2014 ist er Chefredakteur des Genussmagazins "selection".

Dazu schreibt oder schrieb er regelmässig diverse Beiträge unter anderem für WeinWisser, Vinum, Wein Gourmet, essen & trinken, sowie für renommierte Tages- und Wochenzeitungen.

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