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Die andere Seite des Collio – Zu Gast in Slowenien

Die andere Seite des Collio – Zu Gast in Slowenien
Copyrght Alice Gundlach

Das kleine Weinland lockt mit aussergewöhnlichen Rebsorten und innovativen Stilen. In mancher Hinsicht ist man hier sogar weiter als in anderen Weinländern.

In Slowenien machten die Winzer schon Orange Wine, da wusste in Deutschland noch kaum einer, was das überhaupt ist. Entsprechend versiert sind viele Winemaker dort bereits, während hierzulande Weine dieses etwas rauen Stils sich noch eher im Experimentierstadium befinden, und deshalb oft bestenfalls „interessant“ schmecken.

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Wer wissen will, was den Reiz des maischevergorenen, meist im Holzfass gereiften Weissen ausmacht, der sollte sich einmal im Südwesten Sloweniens umsehen, konkret in der Region Brda und im Vipava-Tal.

Tomàš Ščurek bittet zur Fassprobe
Tomàš Ščurek bittet zur Fassprobe

Zum Beispiel im Weingut Ščurek in Dobrovo. Vom Winzerhaus aus kann man die italienische Grenze sehen, das Weingut hat während seines rund 100-jährigen Bestehens mehrmals die Nationalität gewechselt: mal stand es auf italienischem Boden, mal gehörte es zu Österreich-Ungarn, mal zu Jugoslawien – und nun ist es slowenisch. Von 24 ha Rebfläche liegen heute 9 in Italien.

Der Inhaber Stojan Ščurek bewirtschaftet sie mit seinen fünf Söhnen. Tomàš, der Zweitälteste, führt durch den Keller, den bunt bemalte Fässer aus einem Künstlerprojekt zieren. „Mein Vater war einer der ersten in der Region, der aus der Rebsorte Rebula Qualitätswein machte“, berichtet er.

Die weisse autochtone Sorte kommt auch rebsortenrein in die Flasche, aber: „Mir gefallen Blends besser“, sagt Tomàš, z. B. der Flaggschiff-Wein des Weingutes, der Stara Braida. Und eben auch der Orange Wine des Hauses mit dem Namen „Kontra“, aus dem neben Aprikose und Heu vor allem eine heisse Feuerstein-Aromatik spricht. Der aktuelle Jahrgang ist 2009.

„Wer Fehler im Wein sucht, trinkt die Fehler. Wer das Gute im Wein sucht, trinkt mit Genuss“, findet der Jungwinzer Miha Batič aus dem Vipava-Tal. Sein Orange Wine heisst „Zaria“ und ist ein Gemischter Satz aus regionalen und internationalen Sorten. Seine Aromatik erinnert an Gewürznelke, Aprikose und Steine, ein klar strukturiertes Stück Handwerkskunst.

„Am liebsten würde ich nur mit autochtonen Sorten arbeiten, aber was am Ende zählt, ist nun einmal der Geschmack“, meint er. Man sieht: Die regionalen Besonderheiten herauszuarbeiten, ist den Winzern hier wichtig – dogmatisch werden sie deshalb trotzdem nicht.

Doch auch hier ist Orange Wine bei weitem nicht das Hauptprodukt – es ist nun einmal kein Wein für jeden Tag. Und auch wenn die Slowenen einen Vorsprung bei den Orange Wines haben: Seit das Land 1991 unabhängig wurde, war hier vieles bei der Qualitätswein-Bereitung aufzuholen.

Als man nämlich noch zum sozialistischen Jugoslawien gehörte, war auch die Weinbereitung zum grössten Teil in staatlicher Hand. Will heissen: Es gab fast keine privaten Weingüter, die allermeisten Weinbauern lieferten Lesegut an Kooperativen – und die Weine, die dort hergestellt wurden, waren eher nicht als anspruchsvoll zu bezeichnen.

Die Rebsorte Rebula heisst auf der italienischen Seite „Ribolla“=
Die Rebsorte Rebula heisst auf italienischen „Ribolla“

Die Unabhängigkeit nutzten die Winzer, um auszuprobieren, was sich mit ihren Weinbergen wohl am besten anstellen lässt. Und so fanden sie heraus, dass sich aus den regionalen Sorten, zu denen neben Rebula z. B. auch Friulano oder Malvazija gehören, durchaus schöne Weine machen lassen – ob rebsortenrein oder als Blend. Gerne werden diese weissen Sorten hier im Fass ausgebaut, was ihnen eine charakteristische Würze verleiht, sie aber keinerlei Frische einbüssen lässt.

Doch auch internationale Sorten hielten Einzug, vor allem rote Sorten, die international gefragt sind: „Da es hier nicht so heiss wird, dafür aber eher regnerisch ist, eignet sich die Region mehr für Merlot als für Cabernet Sauvignon,“ hat Uroš Jaknončič herausgefunden.

Er und sein Bruder Aleš führen das Weingut Iaquin in Dobrovo. Sie machen erst seit 2006 eigene Weine. Ihr Topwein ist aber auch ein Weisser, konrekt ein reinsortiger Friulano, der „Dolan“ heisst und trotz Reifung im Eichenholz wunderbar glatt, frisch und pfirsichfruchtig daherkommt.

Neben vielen kleinen, aufstrebenden Winzern hat Brda aber auch bereits ein paar Schwergewichte. Über die Grenzen des Landes bekannt ist z. B. das Weingut Movia. Seit 1820 in Familienbesitz, ist es eines der wenigen, dass schon vor der Unabhängigkeit Sloweniens selbst Wein herstellen konnte. Der Inhaber Aleš Kristiančič ist dafür bekannt, den grossen Auftritt zu lieben und gerne ausschweifende Parties zu geben.

Er freut sich, wenn ihm seine Gäste staunend dabei zusehen, wie er seinen undegorgierten SektPuro“ umgedreht mit dem Flaschenhals unter Wasser öffnet, so dass das Hefelager erst unmittelbar vor dem Einschenken entweichen kann. Zum Feiern hat er auch gute Gründe: Nicht nur in seinem Heimatland, sondern auch in Italien und den USA sind seine Weine gefragt. Ganz nebenbei ist er auch Pionier des biologischen Weinbaus, der in der eher feuchten Region noch immer sehr selten zu finden ist.

In der unmittelbaren Nachbarschaft liegt das Weingut eines zweiten slowenischen Star-Winzers: Marjan Simčič. Mit internationalen Auszeichnungen wird er nahezu überhäuft, vor allem für seine Premium-Linie „Opoka“. Diese ist benannt nach der mürben, mineralischen Gesteinsformation, die den Boden hier prägt und Kalkstein ebenso wie Sand und Lehm beinhaltet.

Diese Weine von alten Reben werden teilweise 36 Monate im Holz gereift und erlangen dadurch nicht nur Eleganz, sondern auch eine aussergewöhnliche Alterungsfähigkeit. Vom Ribolla Opoka etwa – ein raffinierter, mineralischer, goldgelber Wein – sagt Simčič: „Der ist auch noch nach 20 Jahren so frisch.“

Die Krönung ist jedoch der Opoka Merlot: reichhaltig, mineralisch und mit deutlichen Himbeernoten. „Ein Pétrus zu einem anderen Preis“, kommentiert der Winzer. Er muss es wissen – schliesslich hat er in dem legendären Château einen Teil seiner Ausbildung absolviert.

Trotzdem bleibt die Region Brda bisher ein Geheimtipp. Um die Aufmerksamkeit ein wenig auf sich zu lenken, gibt es in der Region Bestrebungen, eine gemeinsame DOC-Appellation mit der nahen Region auf der italienischen Seite, dem Collio, einzuführen. Aber darauf reagieren viele italienische Produzenten noch skeptisch. Ein Lichtblick wiederum ist die Region für Wein-Reisende, die den Massenauflauf scheuen und sich gerne dem Reiz des Unbekannten hingeben.

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Infos zu Weinreisen:
www.brda.si
izvirna-vipavska.si

Über die Autorin

Alice Gundlach arbeitet seit 2005 als Journalistin, seit 2011 ist sie freie Autorin mit den Schwerpunkten Wein und Food. Davor schrieb sie schon als angestellte Redakteurin regelmässig über Weinthemen.

Sie ist spezialisiert auf die Weinregionen Deutschlands und Italiens.

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