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Aufmachen oder lagern? Die Trinkreife von Weinen

Aufmachen oder lagern? Die Trinkreife von Weinen
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Genuss zur rechten Zeit: Woran man erkennt, ob ein Wein die richtige Trinkreife hat, welche Unterschiede es gibt und an welche Richtlinien man sich halten kann.

Es ist ein typisches Phänomen bei Weinwettbewerben: Wird die aktuelle Jahrgang blind bewertet, platzieren sich oft einfachere Weine vor den Topgewächsen. Das hat nicht unbedingt etwas mit der mangelnden Expertise der Jury zu tun. Und auch wer jetzt reflexartig denkt: „Da sieht man’s mal wieder: Teurer ist halt nicht immer gleich besser!“, dem sei gesagt: Im Prinzip ja – aber in diesem Fall hat es auch noch mit etwas Anderem zu tun.

Das Stichwort lautet hier: Trinkreife. Nicht jeder Wein ist im ersten Jahr nach seiner Abfüllung schon ausreichend gereift. Manche Weine brauchen sogar bis zu zehn Jahre, um ihren optimalen Geschmack zu erreichen.

Auf einen Blick: Trinkreife-Tabelle

In der Regel produzieren Winzer ihre Weine in verschiedenen Kategorien: Eine Linie mit einfachen Weinen zu einem guten Preis, einen Mittelbau und eine Top-Linie mit Weinen von den besten Lagen, oft Einzellagen-Weine. Diese Kategorien sind auch ein guter Anhaltspunkt dafür, wann ein Wein seine perfekte Trinkreife erreicht.

Die Günstigen bald trinken

 Trinkreife: Wann ist ein Wein bereit zur Degustation?
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Basisweine heissen zum Beispiel einfach „2015 Riesling trocken“. Sie werden so vinifiziert, dass sie gut trinkbar sind, sobald sie verkauft werden – was in der Regel wenige Monate nach der Lese der Fall ist. Sie sind idealerweise gute Alltagsweine, die man als Schoppen, aber auch zum Essen geniessen kann. Dafür, dass sie schnell Genuss bieten, sind sie aber auch nicht besonders lange lagerbar.

Spätestens im zweiten Jahr nach Abfüllung sollte man sie getrunken haben. Rotweinen aus diesem Segment kann man meist ein Jahr mehr geben. Das heisst zwar nicht, dass man diese Weine danach ungesehen wegkippen kann, aber dann sind sie nicht mehr in ihrer Bestform. Es gibt aber auch Weine, die wirklich nur für den Genuss im Jahr direkt nach der Lese gedacht sind. Bekannte Beispiele sind Vinho Verde, Beaujolais Primeur und Heuriger.

In der mittleren Kategorie finden sich Weine, die Namen mit Spezifikationen wie „2015 Deidesheimer Riesling trocken“ haben. Diese sind auch oft in gehobenen Restaurants im offenen Ausschank zu finden. Auch sie sind eher früh trinkreif, aber ihnen kann man meist ein Jahr länger geben als den Basisweinen.

Rotweine dieser Kategorie, insbesondere solche aus dem Holzfass, sind in der Regel frühestens im zweiten Jahr nach der Lese auf einem guten Level, und kommen oft auch dann erst auf den Markt. Entsprechend verschiebt sich ihre Trinkreife-Zeit auch um ein Jahr nach hinten.

Spitzenweine länger reifen lassen

Weine aus der Spitze,wie beispielsweise Lagenweine, die von Topwinzern kommen, werden meist länger ausgebaut. Weissweine dieser Qualität kommen etwa ein Jahr nach der Lese in die Flasche. Rotweine aus dem Holz füllt man noch später ab: üblich sind ein bis drei Jahre Fassreife.

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Manche Weine reifen auch noch weiter in der Flasche, bevor sie in den Verkauf gegeben werden. Weissweine dieser hohen Kategorie sollte man frühestens nach drei Jahren trinken.

Grosse Gewächse aus Deutschland, Crus aus Frankreich oder gute Crianzas aus Rioja kommen erst nach mindestens fünf Jahren in ihr bestes Alter. Von den obersten Spitzen, wie beispielsweise Grand Crus und Premier Crus aus dem Bordeaux und Burgund, Brunello di Montalcino, Barolo und Amarone aus Italien oder Gran Reservas aus Spanien ist sogar erst acht bis zehn Jahre nach der Lese der beste Trinkzeitpunkt zu erwarten.

Auch edelsüssen Weinen lässt man am besten mindestens fünf Jahre Zeit, bevor sie ins Glas kommen. Grosse Edelsüsse, wie Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen von der Mosel, aus dem Rheingau oder vom Neusiedlersee, Sauternes und Barsac aus dem Bordeaux oder Passito aus Italien, sind sogar über Jahrzehnte hinweg gut trinkbar – vorausgesetzt natürlich, dass sie richtig gelagert werden.

Überraschungen im Keller kommen vor

Ob sich andere Weine für die Lagerung über zehn Jahre hinaus eignen, hängt – neben dem Können des Winzers – von der Qualität des jeweiligen Jahrgangs ab. Allerdings ist auch immer wieder festzustellen: Weine aus Jahrgängen, die zunächst als eher mittelmässig galten, können nach einer Dekade im Keller ungeahntes Potenzial hervorbringen.

Wer diese finden will, kann nur abwarten und dann probieren. Allerdings werden die erfreulichen Überraschungen unter den Kellerfunden eher unter den Topgewächsen zu finden sein, nicht unter den Basisweinen.

Den Überblick behalten: Unsere Trinkreife-Tabelle

Kategorie Optimale Trinkreife
Basis: Weiss sofort, max. 2 Jahre Lagerung
Basis: Rot sofort, max. 3 Jahre Lagerung
Vinho Verde, Beaujolais Primeur, Heuriger sofort
Mittleres Segment: Weiss sofort, max. 3 Jahre Lagerung
Mittleres Segment: Rot mindestens 1, max. 4 Jahre Lagerung
Spitzenwein: Weiss mindestens 3 Jahre Lagerung
Grosse Gewächse, Crus, gute Crianzas (Rioja) mindestens 5 Jahre Lagerung
Grand Crus, Premier Crus (Bordeaux, Burgund), Brunello di Montalcino, Barolo und Amarone (Italien), Gran Reservas (Spanien) mindestens 8-10 Jahre Lagerung
Edelsüsse Weine mindestens 5 Jahre Lagerung
Beerenauslesen, Trockenbeerenauslesen (Mosel, Rheingau, Neusiedlersee), Sauternes und Barsac (Bordeaux), Passito (Italien) Mehrere Jahrzehnte Lagerung möglich

Über die Autorin

Alice Gundlach arbeitet seit 2005 als Journalistin, seit 2011 ist sie freie Autorin mit den Schwerpunkten Wein und Food. Davor schrieb sie schon als angestellte Redakteurin regelmässig über Weinthemen.

Sie ist spezialisiert auf die Weinregionen Deutschlands und Italiens.

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